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CALL FOR FILMS 2020

Unser Call for Films für die vierzehnte ethnocineca – International Documenatry Film Festival Vienna (7. – 13. Mai 2020) läuft noch bis 1. Dezember 2019. Reglement und Einreichung.




REVIEW ETHNOCINECA 2019


GEWINNERFILME DER ETHNOCINECA 2019

OF FATHERS AND SONS – GEWINNER INTERNATIONAL DOCUMENTARY AWARD
von Talal Derki | Syrien, Libanon, Deutschland 2017 | 98 Min.

Jurystatement: Der Film bietet einen seltenen und ungefilterten Einblick in eine radikalislamistische Familie und beleuchtet die Radikalisierung junger Kinder und die nahezu Unmöglichkeit, sich in diesem Umfeld den Mechanismen des Extremismus und des Kreislaufs der Gewalt zu entziehen. Wir vergeben den  International Documentary Award der ethnocineca 2019 an ein äußerst mutiges und kompromissloses Werk, dem es gelingt, die brutalen Auswirkungen von Radikalisierung und Krieg auf das menschliche Leben aus nächster Nähe zu dokumentieren.

AFTER PRAYERS – GEWINNER EXCELLENCE IN VISUAL ANTHROPOLOGY AWARD
von Simone Mestroni | Indien, Italien 2018 | 61 Min.

Jurystatement: Der diesjährige EVA – Excellence in Visual Anthropology Award geht an einen Film, der sich direkt mit dem Thema des diesjährigen Festivals befasst: „At Risk“. Der Film wurde nicht nur unter riskanten Bedingungen gedreht, sondern befasst sich auch mit dem Leben von Menschen, die ständig in Gefahr leben und strukturierter und unstrukturierter, physischer und psychischer Gewalt, die den Alltag großer Teile des heutigen Kaschmir ausmacht, ausgesetzt sind. Der Film thematisiert den 30-jährigen Kampf um ein unabhängiges Kaschmir und verbindet die sorgfältig berücksichtigten, ethnografischen Details mit einer poetischen ästhetischen Form, die sowohl in die Bildkomposition als auch in die narrative Struktur und den Rhythmus des Films eingebettet ist. Auf diese Art bringt der Film perfekt zwei Schlüsselaspekte zusammen, die anthropologisches Wissen sichtbar machen.

ANOMALIE – GEWINNER AUSTRIAN DOCUMENTARY AWARD
von Richard Wilhelmer | Deutschland, Österreich 2018 | 82 Min.

Jurystatement: Auf Basis einer umfassenden Recherche zeichnet der Filmein komplexes Bild über den Zusammenhang zwischen der Diagnose von psychischen Anomalien und den verschiedenen Anomalien des medizinischen und sozialen Apparats, durch den diese Diagnose artikuliert wird. Die überlegten Argumente werden durch eine ebenso einfühlsame wie erfahrene visuelle Artikulation geschickt zum Ausdruck gebracht. Der Film ist in seiner Hauptaufgabe sehr erfolgreich: er regt an darüber nachzudenken, was „normal“ bedeutet, und hinterfragt, wer die Berechtigung hat, überhaupt zu definieren, was normal ist? Um sich diesen Fragen auf eine neue Art zu widmen, befragt der Film zwei unterschiedliche Typen von ExpertInnen zum Thema „Normalität“ und behandelt die beiden Zugänge innovativ und radikal gleichwertig. Die „Autoritäts“-Form des statischen Interviews wird konsequent verwendet, um beiden ExpertInnen „Autorität“ zu erteilen. Der Psychiater muss also den Trotzigen diagnostizieren, aber der Trotzige muss auch den Psychiater und die Welt, die er repräsentiert, diagnostizieren – wobei jeder denkt, dass der andere das Problem sei. Mit Momenten der inneren Reflexion und des (Selbst-)Zweifels auf beiden Seiten, werden wir eingeladen, keine der Perspektiven auf den ersten Blick zu akzeptieren, sondern uns unsere eigenen Gedanken über die Zugänge beider zu machen. Ein Film, der zum Nachdenken anregt.

THE TIME TO GO HAS COME AND GONE – GEWINNER INTERNATIONAL SHORTS AWARD
von Pascal Giese | USA, Deutschland 2018 | 38 Min.

Publikumspreis

BROKEN SKIN – GEWINNER ETHNOCINECA STUDENTS SHORTS AWARD
von Lidija Burcak | Großbritannien 2018 | 24 Min.

Publikumspreis


ETHNOCINECA 2019

Dokumentarfilmkino am Puls der Zeit. Auch das diesjährige Programm der ethnocineca – International Documentary Film Festival Vienna konnte dieses Versprechen wieder einhalten und die Relevanz von Dokumentarfilm für neue Perspektiven auf eine gemeinsame Welt aufzeigen. Von 23. bis 29. Mai 2019 konnte einmal mehr die Vielfalt der internationalen Dokumentarfilmkunst entdeckt werden. Für die dreizehnte Festivalausgabe hatten wir aus knapp 500 Filmeinreichungen ein Programm zusammengestellt, das sich aktuellen Fragen des politischen, sozialen und kulturellen Zusammenlebens aus verschiedenen Blickwinkeln widmet. 

Mit 59 Filmen, zahlreichen Filmgesprächen und einem umfangreichen Rahmen- und Vermittlungsprogramm mit internationalen Filmschaffenden und WissenschafterInnen lud die ethnocineca 2019 zu einer vertiefenden Auseinandersetzung mit der Welt durch das Medium Film ein.

Mit dem diesjährigen Festivalschwerpunkt AT RISK setzten wir einen Fokus auf politisch kontroversielle, sozialkritische und mitunter tief in die Privatsphäre der Beteiligten blickende Dokumentarfilme. Oftmals nehmen FilmemacherInnen und ihre ProtagonistInnen persönliche Risiken und Gefahren auf sich, um ihre Geschichten auf die Leinwand zu bringen. Und gerade diese mutigen Produktionen lassen uns an persönlichen Schicksalen oder Ideen Andersdenkender teilhaben und einen Blick außerhalb der eigenen Lebensrealität wagen.

Wir hatten daher Filme ausgesucht, die in eindringlicher Weise die brennenden Fragen und Kontroversen unserer Zeit verhandeln: machtpolitischen Hierarchien werden gesellschaftliche Utopien gegenübergestellt, ökonomischen Prinzipien werden Alternativen aufgezeigt, ökologischen Zukunftsthemen wird mit Tief- und Weitblick begegnet, kulturelle und religiöse Grenzen in den Köpfen anhand persönlicher Geschichten aufgebrochen und Fragen von Gleichberechtigung und Sexualität werden nicht nur eindimensional verhandelt. Was es für die darin involvierten Menschen vor und hinter der Kamera bedeutet, sich diesen Fragen in ihren jeweiligen Lebenssituationen anzunehmen, beleuchteten wir genauer mit einem umfangreichen Rahmenprogramm.


Wir eröffneten das Festival mit einer Keynote Lecture von Dr. Eva van Roekel, Filmemacherin und Anthropologin der VU Amsterdam. In ihrem Vortrag „Filmmakers at Risk” sprach sie über die Chancen und Gefahren des Dokumentarfilmschaffens unter politisch prekären Umständen und lud uns anhand ihrer eigenen Forschung mit verurteilten argentinischen Militärangehörigen dazu ein, kollaboratives Filmschaffen kritisch zu hinterfragen. In der diesjährigen Masterclass ermöglichte uns Ziad Khaltoum, der bereits zum zweiten Mal bei der ethnocineca zu Gast war, Einblicke in seine persönlichen Erfahrungen und Herausforderungen als Filmemacher im syrischen Krieg zu filmen und zeigte auf, wie es gelingen kann, politisch bedeutsame wie menschlich eindrucksvolle Zeitdokumente über Krieg und dessen Folgen zu machen, die weit tiefer blicken lassen als tagesaktuelle Nachrichten. Dieses Jahr im Programm war auch sein Film Taste of Cement.

Mit den Risiken der Globalisierung und des kapitalistischen Wachstumsparadigmas setzte sich die Diskussion mit den Filmemachern Giorgio Ferrero und Alexander Hick auseinander. Wir erkundeten, wie man sich mit verschiedenen ästhetischen, erzählerischen und filmischen Zugangsweisen der globalisierten Wirtschaft und deren Folgen für unser Klima und den von ihm betroffenen bzw. bedrohten Menschen annähern kann, egal ob es sich dabei um indigenen Widerstand handelt oder darum, jenen Menschen Gehör zu verschaffen, die in der Wirtschaftskette kaum zu Wort kommen. In einem Filmgespräch zu After Prayers mit FilmemacherSimone Mestroni und der Kultur- und Sozialanthropologin Ulrike Davis-Sulikowski erkundeten wir die Strömungen von Poesie zu Aufruhr, Widerstand und Erinnerung anhand historischer und zutiefst persönlicher Erfahrungen, die in Mestronis Dokumentarfilm verankert sind. Am letzten Tag des Festivals durfte ein besonderes Highlight und eine bewährte Tradition nicht fehlen: die sechs Filme der diesjährigen ethnocinecaFilmwerkstatt zum Thema At Risk in the City feierten unter Anwesenheit der WorkshopteilnehmerInnen ihre Weltpremiere.

Wir bedanken uns bei all unseren PartnerInnen und SponsorInnen, allen FilmemacherInnen und internationalen Gästen und vor allem bei unserem Publikum für eine erfolgreiches Festival 2019 und freuen uns auf die ethnocineca 2020!