Awards

Die Wettbewerbe und Gewinnerfilme 2020

IDA – International Documentary Award

IDA feiert den Dokumentarfilm als eine dynamische Kunstform und macht diesen in aller Fülle erfahrbar: hier ist dem Format keine Grenze gesetzt – vom klassischen bis zum animierten Dokumentarfilm sind alle Filmformate willkommen. Es werden herausragende Werke honoriert, die über das sachliche Vermitteln von Inhalten hinausgehen und nachdrücklich zu einer reflexiven und undogmatischen Auseinandersetzung mit menschlichen Lebensrealitäten und der Gesellschaft anregen. Preisgeld: EUR 1.000.-

•   Internationale Dokumentarfilme, klassisch bis experimentell
•   Länge: ab 45 Minuten 

IDA JURY UND NOMINIERTE FILME 2020

Gewinner 2020

ARGUMENTS
von Emmanuelle Manck, Olivier Zabat | Großbritannien, Frankreich 2019 | 108 Min. | OmeU

Arguments ist ein faszinierender Film, der einen neuartigen therapeutischen Ansatz für die ansonsten stigmatisierte Erfahrung des Stimmenhörens darstellt, eine Erfahrung, die in der Psychiatrie typischerweise der Schizophrenie zugeschrieben wird. Mit  eindeutigem Vertrauen und in Zusammenarbeit mit den ProtagonistInnen des Films, untersuchen die Filmemacher dieses Phänomen etwa als missverstandenen Teil der menschlichen Erfahrung, aber ohne dabei zu banalisieren, dass das Hören von Stimmen beängstigend und desorientierend sein kann und es schwierig ist, diese in ein soziales Leben zu integrieren. Den Filmemachern gelingt es auf kreative Weise, eine ansonsten interne und für andere schwer verständliche Erfahrung hörbar und nachvollziehbar zu machen und damit sowohl thematisch als auch formal einen wichtigen Beitrag  zum nicht-fiktionalen Kino zu leisten.


EVA – Excellence in Visual Anthropology Award

Dieser Wettbewerb trägt der Vielfalt des ethnographischen Films Rechnung. Er honoriert jene Werke, die zu einem progressiven Verständnis der Visuellen Anthropologie beitragen. Das können Filme sein, die im Rahmen von Forschungen entstanden sind, aber auch eigenständige Werke. Traditionelle wie experimentelle Methoden und Zugänge sind gleichermaßen gern gesehen. Preisgeld: EUR 1.000.-

•   Innovative Filme aus dem Bereich der Visuellen Anthropologie
•   Länge: ab 45 Minuten

EVA JURY UND NOMINIERTE FILME 2020

Gewinner 2020

A NEW ERA
von Boris Svartzman | China, Frankreich 2019 | 72 Min.

In Boris Svartzmans „A new Era“ lernen wir die Menschen in Guangzhou, einer Flussinselgemeinde in Südchina, kennen. Die Insel in Guangzhou ist dazu bestimmt, ein Öko-Park für die BewohnerInnen der schnell wachsenden Vororte einer Großstadt zu werden. In atemberaubend schönen Einstellungen begleitet der Film den hartnäckigen Widerstand der DorfbewohnerInnen, von diesem Mega-Gentrifizierungsprojekt ausgerottet zu werden. Svartzman ist ein begabter Geschichtenerzähler, der sich gekonnt von den Mikroeinstellungen, in denen er anwesend ist, zu den größeren Themen bewegt, die die Widerstandshandlungen beeinflussen. Durch die Hervorhebung der vielfältigen Gefühlsebenen der DorfbewohnerInnen, die ein prekäres Leben in einer Situation unmittelbar bevorstehender Unsicherheit führen, werden ihre Wut, Angst, Großzügigkeit und Weisheit greifbar. Und doch geht die Geschichte über eine vereinfachte Darstellungen gerechtfertigten Widerstands hinaus, indem sie die komplexe soziale Dynamik zeigt, die sich angesichts von Enteignungen und Ungerechtigkeit ergibt. Der Filmemacher ist ein weiterer Akteur in der Geschichte. Es besteht eindeutig ein tiefes Vertrauensverhältnis und eine Komplizenschaft, die möglicherweise auf sein langfristiges Engagement für die Gemeinschaft über sieben Jahre zurückzuführen ist. Er scheint auch sehr auf die Gefahren eingestellt zu sein, die mit der Kamera verbunden sind, und er ist eindeutig vorsichtig und sensibel, um die DorfbewohnerInnen nicht zu gefährden. Der Kontrast, den die Bilder von „alten“ und „neuen“ Welten erzeugen, und die Art und Weise, wie ProtagonistInnen (mit all ihren Widersprüchen) dargestellt werden, heben aufrichtig die Komplexität des Lebens und des Lebens am Rande der Weltwirtschaft hervor.

Honorable Mention

CRACKS
von Dimitra Kofti | Bulgarien, Deutschland 2018 | 55 Min.  

Der Film „Cracks“ vermittelt einen Eindruck von den sozialen und räumlichen Dimensionen einer „postsozialistischen“ „nach der Demokratie“ -Gesellschaft in Pernik, einer kleinen Stadt in Bulgarien, die einst im Zentrum der sowjetischen Industrialisierung stand. Es ist ein Testament einer Stadt und ihrer Menschen, die zwischen Wirtschaftssystemen und ideologischen Epochen stehen und sich dennoch stark im Wandel befinden. Die Anthropologin Dimitra Kofti kreiert eine überzeugende Kollage verschiedener ProtagonistInnen und Generationen und ihrer Flugbahnen inmitten breiterer globaler und transnationaler Prozesse in der Region. Sie vermittelt das Gefühl der Desillusionierung und Nostalgie der Menschen für eine ferne Vergangenheit und eine alternative Zukunft. Jede und jeder der ProtagonistInnen erzählt eine Mikro-Geschichte die gemeinsam einen zusammenhängenden Gesamtfilm ausmachen. Der Film verbindet symbolisch kraftvolle Bilder und Geschichten aus Vergangenheit und Gegenwart und zeigt Kontinuitäten, Brüche und stille Veränderungen des Lebens der Menschen, ihrer Stadt und ihrer imaginären Zukunft.

Honorable Mention

ZAGROS
von Ariane Lorrain, Shahab Mihandoust | Iran, Kanada 2018 | 58 min  

Zagros ist ein wunderschöner Film über das alte Handwerk der Teppichherstellung, das die FilmemacherInnen elegant mit dem Leben ihrer MacherInnen verweben. Den RegisseurInnen gelingt es, über das Medium Film eine komplexe und farbenfrohe visuelle Ethnographie zu kommunizieren, die den Produktionsprozess und den Alltag ihrer MacherInnen meisterhaft miteinander verbindet, auf eine Weise, die den geschickten Fingern der Teppichweberinnen ähnelt, wenn sie die Fäden zusammenweben in der Eröffnungsszene des Films. Der Film ließ uns die Kriterien vergessen, die wir für den EVA-Preis festgelegt hatten, und obwohl wir einige Fragen hatten, wie z. B. wer hinter dieser Kamera steht, stellten wir auch unsere Fragen. Mit einer Kamera, die eindeutig in die Welt vor ihr verliebt ist und Farbe, Textur, Bewegung und Gesang einfangen möchte, ist dies ein Film, der es im Wesentlichen schafft, Intimität, Entscheidungsfreiheit und Humor durch sensorische Erfahrungen des Alltags zu vermitteln und dem Publikum ein Gefühl des Ortes und des Seins in der Welt ermöglicht.


ADA – Austrian Documentary Award

Zur Stärkung des heimischen Dokumentarfilms kürt eine international besetzte Jury den besten österreichischen Film. Zur Einreichung in dieser Kategorie berechtigt sind Filme ab einer Länge von mindestens 45 Minuten, welche von einer österreichischen Produktionsfirma produziert wurden, beziehungsweise von einem/einer FilmemacherIn mit Lebensmittelpunkt in Österreich gemacht wurden. Preisgeld: EUR 1.000.-

•  Österreichische Produktionen, bzw. Filme von RegisseurInnen mit Lebensmittelpunkt in Österreich
•  Länge: Mindestens 45 Minuten

ADA JURY UND NOMINIERTE FILME 2020

Gewinner 2020

WEIYENA – THE LONG MARCH HOME
von Judith Benedikt, Weina Zhao | Österreich, China 2019 | 96 Min. | OmeU

Eine schonungslose Reise in die Vergangenheit auf dem langen Weg zu sich selbst. Eine junge Frau, zwei Welten, ein Manöver durch die Erinnerungsnetze von Eltern und Großeltern, die die Diktatur Mao Zedongs erlebt und überlebt haben. Durch jedes Bild dringt das Anliegen, den Geschichten und Menschen, die sie erzählen und verschweigen, bestmöglich gerecht zu werden. Film hat hier weniger die Aufgabe, Erinnerung zu sortieren, sondern triggert die Auseinandersetzung mit Vergangenheit, Gegenwart und deren Gleichzeitugkeiten. Roh, manchmal ausfransend, führt die dokumentarische Außeinandersetzung immer wieder zu Momenten großer Dichtheit und berührender Komik. So etwa in der Szene, in der die Familie gemeinsames Kochen performt und die Großmutter wieder und wieder ihren Auftritt verpasst. Oder im Gespräch mit derselben Großmutter deren Mao-Zedong-Figur im Regal, nicht zu ihren kritischen Aussagen über das Regime zu passen scheint.
Die Jury vergibt den diesjährigen ADA Preis an einen Film, der technisch nicht nach Perfektion strebt, aber das Wagnis einer Konfrontation der eigenen Herkunftsgeschichte ernst nimmt und dem eine hochsensible Auseinandersetzung gelingt. Diese Sensibilität in der Perspektivierung ist auch da am Werk, wo der Filmdie Migrationsgeschichte der Familie erzählt, deren Geschichte auf mehreren Ebenen auch eine Kino-Geschichte ist.Die Filmemacherin verwebt die archivierten Filmbilder zweier Generationen vor ihr mit den Bildern ihres Films und lässt diese fragmentiert vom Filmschaffen längst vergangener Jahrzehnte erzählen, so kommen komplizierte Verstrickungen, widersprüchliche Bezugnahmen sowie latente Bedeutungen in den Blick.

Honorable Mention

SOLO
von Artemio Benki | Argentinien, Tschechien, Frankreich, Österreich 2019 | 85 Min.

Dirigiert mit erzählerischer Präzision und mit Liebe zum Detail trägt uns Solo durch das Leben von Martin, einem jungen Pianovirtuosen, der nach seinem Zusammenbruch vor vier Jahren in die argentinische Psychiatrie  El Borda eingewiesen wurde. Durch die organische Filmsprache des Regisseurs Artemio Benki bekommen wir einen Einblick in Martins Leben, seinem Umgang mit Schizophrenie und seine Bemühungen um eine Reintegration in die Welt außerhalb der Institution. Sowohl in den manchmal fast lyrisch wirkenden Dialogen zwischen Martin und seinem Psychotherapeuten, in berührenden Darstellungen von Freund*innnenschaft, aber auch im geschickten Einsatz von Ton, wenn etwa jeder Zug an Martins Zigarette zu einem beklemmenden akustischen Erlebnis wird, erzählt der Film in kunstvollen Bildern vom Dilemma, sich nicht von seinen Träumen lösen zu können. Solo ist ein gelungenes Werk, das durch elegante narrative Führung und mit wenigen Worten eine komplexe Welt zeichnet, in der wir uns vermutlich alle irgendwie wiedererkennen können. Zusätzlich zum ADA Filmpreis 2020 vergibt die Jury eine lobende Erwähnung an einen Film, der beim Zusehen das Gefühl vermittelt, Plot und Protagonisten zwischen den Zeilen zu lesen, das wird jedoch im Rückblick als subtil orchestrierte, gestalterische Entscheidung kenntlich


ISA – International Shorts Award

Der International Shorts Award (ISA) verhilft dem Kurzfilm im Rahmen des Festivals zu seiner ihm gebührenden Aufmerksamkeit. Die nominierten Dokumentarfilme zeichnen sich durch ihre breite Themenstreuung aus und zeigen die Dynamiken und expressiven Möglichkeiten des Kurzfilmformats auf. Abgesehen von dem formalen Kriterium einer Länge von unter 45 Minuten sind auch hier den audiovisuellen Ausdrucksformen keine Grenzen gesetzt. In diesem Wettbewerb entscheidet das Publikum über den Gewinnerfilm. Preisgeld: EUR 500.-

•   Internationale Kurzdokumentarfilme, klassisch bis experimentell
•   Länge: max. 30 Minuten

ISA JURY UND NOMINIERTE FILME 2020

Gewinner 2020

THOSE WHO WAIT
von Steph Beeston | Philippinen, Großbritannien 2019 | 20 Min. | OmeU

Wir die Jury des ISA Awards freuen uns mitteilen zu dürfen, dass wir uns für den Film „Those who wait“ von Stephanie Beeston als Preisträger entschieden haben. „Those who wait“ ist ein beeindruckender Film über eine Familie und deren Leben auf einem Friedhof in Manila. Der Film führt uns auf eine sensible Art das Nebeneinander von Tod und Leben vor Augen. Durch den zurückhaltenden und unaufgeregten Blick der Filmemacherin entfalten sich spannende Mikrogeschichten, die einen an der ungewöhnlichen Alltäglichkeit des Lebens am Friedhof und den Hoffnungen, Sorgen und Problemen der Akteur*innen teilhaben lassen. Der ruhige Zugang und starke Sinn für Gestaltung überzeugt in Bild, Ton und Musik und macht den Film so zu einem wertvollen Beitrag für das non-fiktionale Kino.


ESSA – Ethnocineca Student Shorts Award

Junge Talente – Großes Kino! Mit ESSA feiert die ETHNOCINECA die vielfältigen Impulse des jungen Dokumentarfilmschaffens. Der Award stellt nicht nur eine internationale Plattform für junge FilmemacherInnen dar, sondern ermöglicht es den TeilnehmerInnen ihre Werke Seite an Seite mit etablierten FilmemacherInnen und einem großen Festivalpublikum zu diskutieren. Gefragt sind studentische Arbeiten und Erstlingswerke aus dem Dokumentarfilmbereich sowie dem ethnographischen Film mit einer maximalen Länge von bis zu 30 Minuten. ESSA ist ein Publikumsaward. Preisgeld: EUR 500.-

•   Studentische Werke und Erstlingswerke
•   Länge: max. 30 Minuten

ESSA JURY UND NOMINIERTE FILME 2020

Gewinner 2020

ABOUT LOVE ON A SMALL ISLAND 
von Elaheh Habibi | Iran, Großbritannien 2018 | 26 Min.

About Love on a small Island ist ein wunderbarer, reichhaltiger und komplexer Film, der ein herausragendes Beispiel dafür ist, was ein ethnografischer Dokumentarfilm leisten kann. Der Film erforscht die Beziehungen zwischen einem Mann und seinen beiden Frauen auf der Insel Qeshm (Iran), in ihrem Alltag und ihren Interaktionen. Er präsentiert eine aufschlussreiche, intime und aufrichtige Darstellung des Lebens und der Liebe der ProtagonistInnen. Die Filmemacherin konzentriert sich auf das Alltägliche statt auf spektakuläre oder emblematische Aspekte der Geschichte, und trotz einfacher moralischer Schlussfolgerungen gelingt es ihr, die unglaubliche Komplexität der Ansichten und Gefühle der ProtagonistInnen in ihren emotionalen und häuslichen Arrangements zu dokumentieren. Und im Gegenzug bringt sie die ZuschauerInnen dazu, über eigene Stereotypen und Vorurteile nachzudenken.

Honorable Mention

THE OUTLANDER
von Ani Antonova | Österreich 2018 | 5 Min.

The Outlander ist ein Film, der sich einer einfachen Kategorisierung entzieht, der spielerisch mit Formen und Genres experimentiert und eine ethnographisch reichhaltige Erzählung liefert. Wir würden uns wünschen, in Zukunft mehr solcher Experimente zu sehen.