Rahmenprogramm

RAHMENPROGRAMM 2020

KEYNOTE PROF. MATTIJS VAN DE PORT

SENSING THE MESS
Die Wahrnehmung des Chaos: Zum Sinn und den Sinnen im Dokumentarfilm

Schon bevor ich als Anthropologe die Kamera zu meinem Instrument machte, habe ich begonnen, die Konventionen des akademischen Schreibens in Frage zu stellen, die, wie John Law es ausdrückte, versuchen, „die Realität in Klarheit zu verzerren“. Klarheit war genau das, was an den Orten, die ich erforschte, fehlte: dem vom Krieg heimgesuchte Serbien, wo so viele Leben im Morast endeten, und den Tempeln des afro-brasilianischen Candomblé mit Besessenheitsritualen und blutigen Altären. Diese Orte waren pures Chaos, Chaos, das mit Stolz zur Schau getragen wurde. Das akademische Diktum, dass das Aussortieren und Aufräumen dieses Chaos der beste Weg wäre, sie zu verstehen, ergab einfach keinen Sinn. Das Chaos musste als solches wahrgenommen werden. Ich erkannte, dass Film ein Medium ist, das für die Unordnung der Welt weitaus einladender ist. 

In dieser Keynote erörtere ich, wie ich Film verwendet habe, um Chaos in meine Arbeit einzuführen. Beginnend mit Beispielen „sprachbefreiter“ sensorischer Filme, die aus dem Harvard Sensory Ethnography Lab stammen, führe ich schon bald wieder – aus Gründen, die noch zu erklären sein werden – das Wort ein, wie es im Genre des Essayfilms vorgeschlagen wurde.

Keynote in englischer Sprache.


Distribute! Ethnographic Films – ONLINE KONFERENZ

Die Aufzeichnung des Streams wird ab Freitag 8. Mai auf unserer Website verfügbar sein.

Distribute 2020 ist eine virtuelle Anthropologiekonferenz, in welcher audiovisuelle Panels und Live-Nodes gestreamt werden. 2020 befasst sich die von der Gesellschaft für Sozial- und Kulturanthropologie (SCA) und der Gesellschaft für Visuelle Anthropologie (SVA) organisierte Konferenz #Distribute mit zeitgenössischen anthropologischen und visuellen Praktiken, Theorien, Formen der Verteilung und Umverteilung und versucht, konventionelle Konferenzen neu zu denken. Distribute 2020 ist eine kostengünstige, leicht zugängliche, klimaneutrale Konferenz, die den Weg ebnet das Mega-Konferenzmodell neu zu denken.

Ethnographische Filmfestivals sind seit langem eine wichtige Plattform für die Präsentation von Filmen, die von und mit AnthropologInnen produziert wurden und setzen sich dafür ein, Sozialanthropologie einem breiten Publikum zugänglich zu machen. In dieser Diskussionsrunde beleuchten wir, wie anthropologisches Wissen das Publikum erreichen kann, und fragen, welche Rolle ethnographische Filmfestivals in diesem Prozess einnehmen.

Am 8. Mai organisieren die ethnocineca – International Documentary Film Festival Wien und das Vienna Visual Anthropology Lab der Universität Wien einen lokalen Distributionsknoten in Wien. Mit diesem öffentlich zugänglichen Forum stärken wir die Gemeinschaft der visuellen Anthropologie in Wien und international und ermöglichen auch in der gegenwärtigen Situation, Gespräche und den Austausch aufrecht zu halten.

TeilnehmerInnen: Marie-Christine Hartig, Andy Lawrence, Viktoria Paar, Katja Seidel, Christos Varvantakis, Werner Zips; Moderation: Sanderien Verstappen

Organisiert in Kooperation mit dem Institut für Kultur- und Sozialanthropologie / Universität Wien


MASTERCLASS „INNERER ATEM: DAS IMAGINÄRE FILMEN“

Ausgehend von seinem Film Campo, der auf der ethnocineca Österreichpremiere feiert, untersucht Tiago Hespanha die Beziehung zwischen dem Realen und dem Imaginären. Ein Wechselverhältnis, das für ihn die cinematographische Geste bewegt und nährt. Er schlägt eine wilde Reise durch den Prozess vor, bei dem sein filmisches Schaffen nur von dieser ersten Frage geleitet wird:  Wie kann man das Imaginäre filmen?

Tiago Hespanha ist bereits mit seinem zweiten Film zu Gast der ethnocineca. 2015 war er bereits mit seinem Film Industrial Revolution im Festival vertreten. Dieses Jahr steht sein Film Campo, der für den International Documentary Award (IDA) nominiert ist, im Rahmen unseres online Programms acht Tage lang on demand  zur Verfügung.

Masterclass in englischer Sprache.
In Kooperation mit Volkskundemuseum Wien


DISKUSSION – Vom Warten und Handeln – Die Rolle der Kamera in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche

Marie-Christine Hartig im Gespräch mit Boris Svartzman und Dimitra Kofti

Arbeitslosigkeit, Verdrängung und fehlende Zukunftsperspektiven entlang der Verheißung von Kapitalismus und wirtschaftlichem Fortschritt. Zwischen Warten und Handeln, Fragen von ökonomischen und gesellschaftlichen Umbrüchen und der Kraft der politischen Erzählung im Dokumentarfilm bewegen sich die zwei Filme Cracks und A new Era inmitten (post-)sozialistischer und kapitalistischer Realitäten.

Sieben Jahre lang begleitet Boris Svartzman die BewohnerInnen der Millionenstadt Guangzhou in ihrem Widerstand gegen die behördlich angeordnete Vertreibung aus ihren Häusern. Sie stellen sich gegen den Abriss des alten Viertels und die vermeintlichen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Vorteile der Gentrifizierung. In Cracks zeigt Dimitra Kofti die Auswirkungen der historischen und wirtschaftlichen Veränderungen der postsowjetischen Wirklichkeit auf. Vom industriellen Aufstieg samt darauffolgenden Niedergang begleitet ihr Film die BewohnerInnen der bulgarischen Stadt Pernik durch die Umbrüche der Zeit.

Boris Svartzman und Dimitra Kofti diskutieren mit Marie-Christine Hartig Fragen der ökonomischen und sozialen Umbrüche und erkunden die Kraft der politischen Narrative im Dokumentarfilm.

Gespräch in englischer Sprache.
In Kooperation mit Weltmuseum Wien und dok.at 


kontroversiell! Filmscreening 21 Days Inside mit anschließender Diskussion 

dok.at im Gespräch mit Zohar Wagner

Im Brunnen eines Beduinendorfes wird die Leiche eines zweijährigen Buben gefunden. Der Verdacht fällt sofort auf die Mutter, die noch am selben Tag verhaftet wird. Um ein Geständnis zu erzwingen, nutzen die verhörenden Polizisten während der einundzwanzigtägigen Untersuchungshaft bewusst und schamlos die Schwächen der Mutter aus. Zur Aufarbeitung dieser komplexen und aufrüttelnden Geschichte bedient sich 21 Days Inside an Archivmaterial der Polizei. Verhöre aus Überwachungskameras und Tonaufnahmen aus der Zelle, sowie Zeichnungen nachgestellter Szenen erzählen den Vorfall. Der Film seziert so in eindrücklicher Weise Themen von Macht, Polizeigewalt und der Diskriminierung von Frauen und ethnischen Minderheiten. 

Im Gespräch werden Fragen von struktureller Gewalt und patriarchalen Machtvorstellungen und auch die Machart des Films hinterfragt, in dem fast ausschließlich Material der Exekutive verwendet wurde. 

Gespräch in englischer Sprache.
In Kooperation mit dok.at


FILM & DISKUSSION: COMMANDER ARIAN

Ein Filmgespräch mit Alba Sotorra und Helin Çelik

Wie funktioniert ein demokratisches Experiment, das von Frauen mitten in einem Krieg durchgeführt wird und was sind die Herausforderungen der Präsenz einer Frau im politischen Kontext bewaffneter Konflikte?

Die Diskussion sensibilisiert für die Widerstandsbewegung in den Kantonen von Rojava (Nordsyrien), wo Frauen auf allen Ebenen der Entscheidungsfindung teilnehmen und eine neue Gesellschaft für die Rechte ethnischer Minderheiten, die Religionsfreiheit und die Frauenrechte aufbauen. Mit ökologischen Prinzipien mitten in einem Kriegsgebiet im Nahen Osten. Außerdem wird auf die Komplexität des kurdischen Feminismus und dem daraus folgenden bewaffneten Widerstand der Frauen eingegangen werden.

Diskussion in englischer Sprache.
Dieses Programm wurde in Kooperation mit Helin Çelik kuratiert. 


WORKSHOP “CINEMA OF THE SENSES” 

ZAGROS | Ariane Lorrain

Zagros von Ariane Lorrain und Shahab Mihandoust ist ein visuell beeindruckendes Beispiel für das Kino der Sinne. In einem poetischen Stil folgt der Film dem traditionellen Handwerk der Tapisserie in den westlichen Bergen des Iran, dem Land der Bakhtiaren. Wolle ist der Leitfaden, der nomadische und sesshafte Kulturen verbindet und die Welten der Weber, Färber und Hirten durch ihre Arbeit begleitet. Teppiche weben das soziale Gefüge ihres Lebens und geben ihm sowohl Form als auch Farbe. 

Im diesjährigen Workshop zu Cinema of the Senses enthüllt die kanadisch-iranische Filmemacherin und Anthropologin Ariane Lorrain die Bedeutung des Kinos der Sinne und diskutiert Fragen der sensorischen Ethnographie, der Wirkung von audiovisuellen Impulsen und der Bedeutung von Poesie und Kunst zur Erfahrung sozialer Welten, die nicht durch das gesprochene Wort, sondern durch ein verinnerlichtes Gefühl erkundet werden.

Workshop in englischer Sprache.