Festival

ETHNOCINECA 2020

Durchatmen und Dokumentarfilmkino genießen! Das verspricht die 14te Ausgabe der ethnocineca – International Documentary Film Festival Vienna. Geleitet vom Jahresthema B R E A T H E hatten wir uns einmal mehr auf die Vielfalt ethnographischer und dokumentarischer Filme gefreut, dieses Jahr von 7. bis 14. Mai, erstmals an 8 Tagen und wie gewohnt in den Sälen des Votiv Kinos und des Kino de France. Mit 50 ausgewählten Lang- und Kurzfilmen und zahlreichen Rahmenveranstaltungen hat das Team ein Programm erstellt, das zum Austausch über sensorische Welten, die die dokumentarische Filmkunst ermöglicht, einlädt.

Mit der weltweiten Ausbreitung von COVID-19 mussten auch wir die Festivalausgabe2020 absagen. Das Programm, das bereits in allen Ebenen durchdacht und geplant war, und die wunderbaren künstlerischen und sozialwissenschaftlichen Beiträge, die wir dem kinointeressierten Publikum zugänglich machen wollten, bleiben somit in den Archiven der ethnocineca. Die Absage des Festivals ist für uns alle ein schwerer Verlust, auf künstlerischer, menschlicher und auf professioneller Ebene.

Die 50 ausgewählten Filme des diesjährigen Programms sind Perlen der visuellen Ausdrucksweise, die uns Einblick geben in Lebenswelten, den Kampf um Freiheit, das Zusammenspiel von Menschen und Natur und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Und auch wenn es uns nicht möglich ist, das Erleben der Filme in den Kinos Wiens in diesem Jahr durchzuführen, möchten wir doch zumindest mit diesem Programmheft und der Website von den wunderbaren Geschichten und Reflexionen, die uns heuer ein reiches Programm ermöglicht hätten, erzählen.

Der Themenschwerpunkt B R E A T H E leitete 2020 die Kuration und hebt jene Qualitäten des Dokumentarfilms hervor, die uns entweder den Atem nehmen oder uns bewusst daran erinnern, dass wir atmen. Es ist die Poesie der Bilder, die Intensität der Impressionen, die hohe Kunst der filmischen Inszenierung, die uns in fremde Welten eintauchen lassen. Wann stockte uns das letzte Mal der Atem, wann mussten wir tief schlucken, wann spürten wir die Gänsehaut unsere Arme hinaufschleichen und wann mussten wir nach einer Szene erstmals wieder tief Luft holen und uns darauf besinnen, dass wir eigentlich gerade hier im Kinosaal und nicht an jenen anderen Orten der Welt sind.

Das Atmen, das Bewusstsein für den Atem und die schrecklichen Folgen des fehlenden Atems sind durch den globalen Ausbruch von Corona jedoch auf allzu reale Weise in den Mittelpunkt gerückt. Und das Durchatmen hat sich noch lange nicht eingestellt. Vielmehr benötigen wir alle in unserem Alltag nun einen langen Atem. Es fühlt sich eigenartig an, dass wir bereits vor Monaten, lange bevor Corona unser aller Leben in ungewohnte Bahnen getrieben hat, entschlossen hatten, uns mit dem heurigen Programm in einer schnelllebigen Zeit großer Zukunftsfragen Ruhe zu verschaffen und uns der Schönheit im Inneren zuzuwenden.

Um die Welt aus so vielen Perspektiven wie möglich zu erkunden, widmeten wir uns daher jenen Filmen, welche uns durch ihre kunstvollen Gestaltungsweisen die brennenden Themen unserer Zeit auf diesem Planeten in eindringlicher Form spüren lassen. Ebenso suchten wir nach dem Atem der Filme selbst, ihrer Kraft als Medium Ideen, Welten und Menschen einander näher zu bringen. Damit wird bewusst die sensorische Kraft und Dynamik von Film in den Vordergrund gerückt, da es vor allem diese Qualitäten sind, welche uns als Menschen ansprechen. Egal ob persönliche Schicksale, politische Umbrüche, moralische Streitthemen, gesellschaftliche Kontroversen oder die Klimakrise – gerade in Zeiten, in denen wir mit Unsicherheiten und vielen Fragen konfrontiert sind, betonen diese Filme das Schöne und Gute zwischen den Zeilen der filmischen Erzählungen. Es sind vor allem poetische und experimentelle Ansätze, welche die Aufmerksamkeit auf jene sensorischen Dimensionen des Weltgeschehens lenken, die nur schwer allein mit Worten wiederzugeben sind. Wo Schatten ist, muss auch Licht sein und der Dokumentarfilm kann uns die Schönheit des Zwischenmenschlichen zeigen.

Zur Eröffnung des Festivals wollte uns Mattijs van de Port mit seiner Keynote „Sensing the Mess“ in die Unordnung der Welt hineintragen und darüber sprechen, wie im Besonderen filmische Medien die Kraft haben, eben dieser Verworrenheit keine künstliche Ordnung zu verleihen, sondern das Chaos in aller Fülle erfahrbar zu machen. In der geplanten Masterclass mit Tiago Hispanha hätte sich der Filmemacher, dessen Werke schon mehrfach auf der ethnocineca zu sehen waren, mit der immersiven Kraft des Dokumentarfilms auseinandergesetzt und erkundet, wie die Poesie von Bild und Ton aktuelle Fragen in eindringlicher Form spürbar macht. In der Panel Discussion in Kooperation mit dok.at planten Dimitra Kofti (Cracks) und Boris Svartzman (A New Era) ökonomische und gesellschaftliche Umbrüche anhand ihrer beeindruckenden Filme als Zeitzeugnisse dieser Phänomene mit dem Publikum zu diskutieren. Die vertiefende Lecture von Ariane Lorrain wollte sich auseinandersetzen mit der philosophischsensorischen Annäherung an eine Welt, die unter Druck gekommen ist. Aufbauend auf ihrem Film Zagros widmet sie sich den Sinnen und dem Sinngebenden, der Gemeinschaft und der Poesie des Zusammenlebens.

Abschließend möchten wir uns aus ganzem Herzen bedanken. Bei den FilmemacherInnen, ProduzentInnen und Vertrieben, für ihr Vertrauen, ihre Werke und die hervorragende Zusammenarbeit. Bei allen Vortragenden, die das Rahmenprogramm in diesem Jahr mit ihren Beiträgen, Workshops und Gesprächsrunden zu einer vielfältigen Diskussionsplattform gemacht hätten. Bei unserem Publikum, das uns seit vielen Jahren treu begleitet und uns mit seiner Begeisterung für die gezeigten Filme jedes Jahr wieder die Motivation und Inspiration für ein weiteres Jahr Arbeit zur erfolgreichen Umsetzung der Festivalwoche verleiht. Bei unseren FördergeberInnen, SponsorInnen und Award-StifterInnen, die es uns möglich machen, Dokumentarfilm in Wien hochleben zu lassen und für ein filminteressiertes Publikum zugänglich zu machen. Ganz besonders in diesem Jahr, in welchem die Kulturbranche und auch unser Festival tief getroffen wurden, möchten wir unseren Dank zum Ausdruck bringen dafür, dass die Zusammenarbeit weiter aufrecht erhalten wurde und wir somit alle Beteiligten, MitarbeiterInnen, FilmemacherInnen, Jurymitglieder und Vortragende gerecht für Ihre Arbeit entlohnen konnten. Diese Unterstützung auch in Zeiten der Krise war eine Geste der Anerkennung und Wertschätzung, für die wir nachhaltig dankbar sind und die uns Vertrauen in die Zukunft der Filmkunst in Österreich gibt. Zu guter Letzt bedanken wir uns beim gesamten Team der ethnocineca 2020, das die Vorbereitung des Festivals und die unzähligen Stunden der Überlegungen und der Entwicklung zu einer wunderbaren Erfahrung gemacht haben.

Wir freuen uns im nächsten Jahr wieder gemeinsam mit dem Publikum und allen FreundInnen der dokumentarischen Filmkunst gemeinsam im Kino zu sein. Bis dahin wünschen wir allen viel Freude beim Schmökern und bei der Erkundung des Programms – wir hoffen, Sie inspirieren zu können. Wir wünschen allen gute Gesundheit. Atmen wir durch, um gemeinsam durch diese globale Krise zu kommen. Wir sehen uns im kommenden Jahr.

Marie-Christine Hartig, Martin Lintner, Katja Seidel
Künstlerische Leitung